Arbeiten bis zum Tod?
11/09/2026Länger arbeiten, früher sterben? Über Rente, Profite und den Wert unserer Lebenszeit.
Immer länger arbeiten, immer später in Rente – so stellen sich Bundesregierung und Wirtschaftsverbände unsere Zukunft vor. Die Alterssicherungskommission der Bundesregierung empfiehlt inzwischen, das Renteneintrittsalter nach 2031 an die steigende Lebenserwartung zu koppeln.1 Im Klartext: Werden wir älter, sollen wir auch länger arbeiten.
Doch für viele Menschen ist „Arbeiten im Alter“ schon heute keine freiwillige Entscheidung. Gerade wer sein Leben lang wenig verdient hat, bekommt häufig auch nur eine niedrige Rente. Ein Drittel der erwerbstätigen Rentner*innen arbeitet nach eigenen Angaben schon heute aus finanzieller Notwendigkeit. Rund 800.000 Menschen im Rentenalter leben sogar überwiegend von ihrem Arbeitseinkommen.2 Besonders hart trifft die Forderung nach immer längerer Lebensarbeitszeit diejenigen, die wenig verdienen und zugleich unter körperlich oder psychisch belastenden Bedingungen arbeiten. Zynisch ist das auch deshalb, weil Menschen mit niedrigen Einkommen im Durchschnitt früher sterben – sie sollen länger arbeiten und haben gleichzeitig weniger Zeit, ihre Rente überhaupt zu genießen.3
Es geht dabei nicht nur um ein paar Monate oder Jahre mehr Arbeit. Es geht darum, unsere Vorstellung davon zu verschieben, was als normal und zumutbar gilt: länger arbeiten, später in Rente gehen und im Alter notfalls weiterarbeiten. Diese Forderungen stehen nicht für sich. Sie reihen sich ein in weitere Angriffe auf unsere Arbeits- und Lebensbedingungen – vom 8-Stunden-Tag bis zur Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Der Ruhestand soll also zunehmend zum Luxus werden. Für viele ist ein Ruhestand ohne zusätzliche Arbeit schon heute kaum bezahlbar. Doch statt Altersarmut und zu niedrige Renten zu bekämpfen, wird ihnen erklärt: Dann müsst ihr eben länger arbeiten – im Zweifel bis zum Umfallen.
Begründet werden die Forderungen nach längerer Arbeit unter anderem mit dem Fachkräftemangel und der Notwendigkeit, die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Wirtschaft zu sichern.4 Kurz gesagt: Wir sollen mehr arbeiten, damit es der Wirtschaft gut geht. Denn – so die Erzählung: „Wenn es der Wirtschaft gut geht, dann geht es auch den Menschen gut.“
Doch die Realität sieht anders aus: Der gesellschaftliche Reichtum wächst – doch diejenigen, die ihn schaffen, entscheiden nicht darüber, was mit ihm geschieht. Obwohl wir heute deutlich produktiver arbeiten5 als noch vor wenigen Jahrzehnten, heißt es: Wir sollen noch länger arbeiten. Und gleichzeitig werden Rekorddividenden an Aktionär*innen ausgeschüttet.6
Dabei könnten wir den geschaffenen gesellschaftlichen Reichtum ganz anders nutzen: für kürzere Arbeitszeiten, höhere Löhne, frühere Renten und mehr Zeit zum Leben. Stattdessen sollen wir noch länger arbeiten. Gerade für Menschen in körperlich oder psychisch belastenden Berufen ist das eine Zumutung. Wer jahrzehntelang in der Pflege, auf dem Bau, in der Logistik oder in der Industrie gearbeitet hat, hat das Recht, den selbst geschaffenen gesellschaftlichen Reichtum endlich auch zu genießen.
Die Realität zeigt wie schief die Erzählung vom „durchsickernden“ Wohlstand tatsächlich ist: Es geht nicht um unser Wohl oder ein gutes Leben für alle, sondern um Unternehmensgewinne, Wettbewerbsfähigkeit und um Profite. Das Problem ist also nicht, dass wir zu wenig leisten oder zu wenig produzieren. Das Problem ist, wer darüber entscheidet, was wofür produziert wird, wer über den gesellschaftlichen Reichtum verfügt und wofür er eingesetzt wird.
Besonders makaber ist das angesichts der aktuellen Aufrüstung. Für Waffen und Militär sind Milliarden da, während uns bei Rente und Sozialstaat immer wieder erzählt wird, wir könnten uns unsere sozialen Errungenschaften – wie z.B. gute Renten – nicht mehr leisten. Dieselbe Politik, die Sozialabbau betreibt, stellt immer neue Milliarden für Krieg und Aufrüstung bereit.
Und keine Sorge: Wer selbst im Rentenalter noch nicht genug gearbeitet hat, kann sich künftig vielleicht bei der Bundeswehr nützlich machen. Dann könnte man im Ruhestand Drohnen steuern oder andere militärische Aufgaben übernehmen. Arbeiten bis zum Tod – im Zweifel dem eigenen oder dem anderer – bekommt da eine ganz neue Bedeutung.
Deshalb sagen wir:
Nicht wir sollten unser Leben der Wirtschaft unterordnen. Die Wirtschaft muss den Bedürfnissen der Menschen dienen.
Wir kämpfen für
- Arbeitszeitverkürzung statt Lebensarbeitszeitverlängerung!
- Ein gutes Leben für alle statt Arbeiten bis zum Tod!
- Eine Gesellschaft, in der nicht der Profit, sondern der Mensch im Mittelpunkt steht!
Deshalb müssen wir uns gemeinsam gegen den sozialen Kahlschlag und die Angriffe auf unsere Lebensbedingungen organisieren. Für ein gutes Leben für alle!
Kommt zum Klassenkampf-Stammtisch. Jeden ersten Montag im Monat um 19 Uhr im Stadtteilzentrum Gasparitsch.
Und kommt mit uns auf die Straße:
Gegen Sozialabbau
Samstag, 26.09. 2026, 11:55 Uhr, Schlossplatz
Vortreffpunkt: 11:15 Uhr, Stadtteilzentrum Gasparitsch


Gegen Militarisierung und Sozialabbau
Geld für unser Viertel statt für ihre Kriege!
Samstag, 03.10.2026, 13 Uhr, Schlossplatz
Vortreffpunkt: 12:15 Uhr, Stadtteilzentrum Gasparitsch
1 Alterssicherungskommission: „Empfehlungen der Alterssicherungskommission“, 23.06.2026, S. 22 f.
https://www.bmas.de/SharedDocs/Downloads/DE/Soziales/empfehlungen-der-rentenkommission-bmas-juni-2026.pdf
& Tagesschau: Wie die Rente reformiert werden könnte: https://www.tagesschau.de/inland/innenpolitik/rente-vorschlaege-kommission-100.html
2 Statistisches Bundesamt: Rente – Arbeit und Einkommen, 2026. https://www.destatis.de/DE/Im-Fokus/Rente/_inhalt.html
3 DIW Berlin: „Wer wenig Einkommen hat, stirbt früher und erhält dadurch weniger Rente“, 19.06.2024. https://www.diw.de/de/diw_01.c.905177.de/wer_wenig_einkommen_hat__stirbt_frueher_und_erhaelt_dadurch_weniger_rente.html
4Bundesregierung: Pressekonferenz zum Bericht der Alterssicherungskommission https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/pressekonferenz-mit-kanzler-merz-bericht-rentenkommission-2444532 & Bundesregierung: Empfehlungen für eine große Rentenreform https://www.bundesregierung.de/breg-de/aktuelles/faq-rentenreform-2444534
5 Destatis: Arbeitsproduktivität & Destatis: Entwicklung der Arbeitsproduktivität
6 „Dividenden auf Rekordniveau“ https://www.tagesschau.de/wirtschaft/finanzen/dividenden-dax-ausschuettung-rekordniveau-100.html & EY-Studie https://www.ey.com/de_de/newsroom/2025/04/ey-dax-dividenden-2025

Weitere Infos auf der Sonderseite:
Geld für unser Viertel – statt für ihre Kriege!

